Freitag, 22. März 2013

Wilde Jungs

Vor kurzem waren wir bei Bekannten zu Besuch. Die haben einen Sohn, er ist etwa ein Jahr älter als Emma. Nennen wir ihn Johannes. Johannes hat einen großen Bewegungsdrang und einen ausgeprägten Willen. Emma, die grade laufen kann, weiß auch, was sie möchte, aber wie alle Laufanfänger, steht sie noch etwas unsicher auf den Beinen. Johannes ging recht grob und unvorsichtig mit Emma um: Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich, auch wenn sie das nicht wollte, er versuchte sich auf sie zu setzen, er trat auf ihre Hand und er versuchte auf sie zu springen. Sprich: er war nicht besonders rücksichtsvoll. Das kann man ja von einem zweijährigen Kind auch nicht unbedingt erwarten. Während die Mutter von Johannes und ich eine Zeit lang in der Küche waren, blieb Johannes mit den Väter und Emma im Wohnzimmer. Der Vater von Johannes sah dabei zu und kommentierte das Verhalten seines Sohnes mit Sprüchen wie:

  • "Er ist halt ein wilder Junge."
  • "So sind Jungs halt."
  • Die Frage, ob er das bei einem Mädchen anders erwarte, bejahte er.
Mein Mann war die ganze Zeit voller Sorge um unser Kind und hielt Johannes nach den oben genannten Vorfällen die restliche Zeit gründlich davon ab, Emma überhaupt zu berühren. Er war wirklich sehr verärgert, dass Johannes Vater keine Maßnahmen ergriffen hatte, um seinem Kind irgendwie begreiflich zu machen, dass es mit der jüngeren Spielkameradin vorsichtig umgehen muss. Vielmehr erschien es meinem Mann, als sei er im Grunde stolz auf das wilde Verhalten seinen Sohnes. Fairer Weise muss ich erwähnen, dass für Johannes Vater ja kaum Bedarf bestand direkt seinen Sohn an der Ausführung von unvorsichtigem Verhalten gegenüber Emma zu hindern, da mein Mann ja die ganze Zeit um Emma kreiste, wie ein Helikopter.
Anders bei der Mutter: Ich hatte Johannes Mutter dabei beobachtet, wie sie ihren Sohn im Umgang mit Emma genau beobachtete und ihn auch stets davon abhielt ihr weh zu tun und ihm erklärte, dass er mit ihr vorsichtig sein müsse: "Die Emma kann noch nicht so gut laufen, die kannst du nicht einfach an der Hand mitziehen.", etc.

Als ich später erfuhr, dass Johannes Vater das Verhalten seines Sohnes mit Verweis auf das Geschlecht erklärte und sogar noch meinte, dass Mädchen per se weniger "wild" seien, war ich doch schon erstaunt. Noch weiß ich nicht genau, wie ich die ganze Geschichte einordnen soll. Aber eines ist ganz klar: hier liegt ein glasklarer Fall von aktivem Doing Gender vor. Denn wenn einen die Bewegungsfreude und die "Wildheit" bei einem Jungen direkt als angeborenes männliches Verhalten interpretiert wird, dann ist es doch wahrscheinlich, dass daraus bestimmte Folgen im Erziehungsverhalten und allgemein in den Reaktionen auf das Kind entstehen. Andererseits frage ich mich auch, ob die große Vorsicht, die mein Mann zeigte, nicht wiederum auch Doing Gender war. Wäre er vielleicht weniger besorgt gewesen, wenn wir einen Sohn hätten?

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Kommentare:

  1. Als du das Verhalten deines Mannes geschildert hast dachte ich auch sowas ähnliches. Aber ich glaube, es kommt auch darauf an wie es für das Kind gerahmt wird. Kinder nehmen Dinge ja sehr wörtlich und wenn etwas konkret aufs Geschlecht bezogen wird werden sie das anders aufnehmen als wenn es z.b. darauf bezogen ist dass der Papa halt vorsichtig ist. Solange er es nicht selbst als "Ich beschütze dich weil du ein Mädchen bist und dich nicht selbst gegen den Jungen wehren kannst" rahmt sondern auf andere Dinge bezieht wird sie es vermutlich nicht auf ihr Geschlecht beziehen.
    Interessant ist ja, dass die Mutter des anderen Kindes offenbar einen ganz anderen Ansatz als ihr Mann hat. Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht wenn ein Kind mit unterschiedlichen Meinungen zum Thema Geschlecht konfrontiert ist und so frühzeitig lernt dass es immer Leute gibt, die es "traditionell" sehen, aber auch Leute, die das in Frage stellen.

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    1. Hallo,
      danke sehr für Deine konstruktiven Anmerkungen.
      Also die Mutter hat in so fern einen anderen Ansatz, als dass sie viel stärker versucht das "wilde" Verhalten ihres Sohnes zu zügeln, vor allem, wenn es Schaden anrichten könnte. Aber in einem anderen Post beschreibe ich, dass auch sie sein Verhalten ebenso "traditionell" interpretiert, wie ihr Mann und schon auch stolz auf diese "männliche" Wildheit ist. http://doinggenderbiografie.blogspot.de/2013/06/ein-richtiger-junge.html
      Was meinen Mann angeht, da habe ich keine Hoffnung jemals herauszufinden, ob es doing gender oder generelle Vorsicht ist. Er äußert sich da nicht wörtlich zu und würde abstreiten, dass es doing gender ist. Wenn wir ein weiteres Kind bekämen und es ein Junge wäre und dieser von ihm mit weniger Vorsicht bedacht würde, dann könnte die Ursache auch darin liegen, dass viele Menschen das zweite Kind ohnehin mit größerer Entspannung großziehen können.
      Ich denke auf jeden Fall, dass es gut ist, wenn Kinder mit unterschiedlichen Meinungen zum Thema Geschlecht groß werden. Allerdings muss ich sagen, dass es in meinem Umfeld kaum Leute gibt, die nicht mehr oder weniger "traditionell" über das Thema Geschlecht denken. Gendersensibilisierte Menschen kenne ich nur aus dem Unikontext, aber sie finden sich nicht in meinem Wohnumfeld. Also vermute ich, dass die meisten Kinder hier wohl kaum mit Leuten konfrontiert werden, die Geschlechtsstereotypen in Frage stellen. Wenn man in den entsprechenden großstädtischen, bildungsbürgerlichen und "hippen" Gegenden aufwächst, ist das sicherlich anders.

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